Grundsteinlegung für den Neubau der Fakultät Mathematik und Informatik

Ansprache des Präsidenten der Technischen Universität München, Professor Wolfgang A. Herrmann

Forschungsgelände Garching, den 17. Mai 2000

Anrede,

"Eine Wissenschaft ist nur soweit eine Wissenschaft wie sie mathematisch erfassbar ist." Mit dieser Einschätzung übernimmt Immanuel Kant die Mathematik als Universalwissenschaft des Mittelalters in die neue Zeit. Einstmals unter den artes septem liberales, treibt sie fortan die Naturwissenschaften und das Ingenieurwesen voran. An unserer Universität gilt die Mathematik schon immer als ein sehr schweres Fach, dessen Hürden die meisten Studenten meiden würden, ließen wir dies nur zu. Aber jeder TU-Student muss durch die "geistige Idealapparatur" hindurch, wie Robert Musil die Mathematik nannte. Heute ist sie bei uns buchstäblich ein technisches Fach, das in allen Bereichen der Hochschule zu Hause ist. Wie die junge Informatik auch: Sie geht in München auf die legendäre PERM zurück, die Programmgesteuerte Elektronische Rechen-Maschine aus den fünfziger Jahren, damals mit Radioröhren, Dioden und Magnettrommelspeicher. Pioniere wie Hans Piloty, der Ingenieur, sowie Robert Sauer und Friedrich L. Bauer, die Mathematiker, stehen für den Beginn der Informatik in Deutschland. Seit zehn Jahren bildet das Fach eine Fakultät, eine der besten in Europa, stark ingenieurwissenschaftlich orientiert, mit den Attributen einer technischen Leitwissenschaft.

Die heutige Grundsteinlegung soll deutlich machen, meine Damen und Herren, dass die Informatik und die Mathematik die Grundlage aller technischen Wissenschaften sind. Heute noch auf sage und schreibe 16 Standorte in München zersplittert, bekommen beide Fakultäten in Garching, mitten auf unserem naturwissenschaftlich-technischen Campus ein gemeinsames Dach über ihre viele exzellenten Köpfe. Es war Ihr Weitblick, verehrter Herr Ministerpräsident und verehrter Herr Staatsminister, dass Sie spontan unseren Vorschlag aufgriffen, mit einem Neubau in Garching dem Entwicklungskonzept der Hochschule eindeutig Vorrang zu geben vor zweitklassigen, kostspieligen Hilfslösungen in München. Das 150-Millionen-Projekt hat den ersten Spatenstich und Baumaschinen schon gesehen, bevor andere über die Greencard diskutierten. Wir bauen und zeigen damit auch, dass die Offensive Zukunft Bayern mit den richtigen Themen auf dem richtigen Kurs ist.

Ich habe die neueste OECD-Bildungsstudie nicht für den heutigen Tag bestellt. Aber es ist klar, dass in Deutschland das Bewusstsein für die Zukunftsbedeutung der Ingenieurs- und Naturwissenschaften bedrohlich schwach ausgeprägt ist. Das haben wir davon, dass wir den ewigen Bedenkenträgern nich noch konsequenter die Stirn geboten haben. Heute lese ich, dass auch die Grünen mehr Ingenieure und Chemiker wollen, eine späte Einsicht! Gut, dass der Beginn der Hochschulerneuerung nach Zeit und Ort gut dokumentiert ist. Da bin ich auch stolz auf den Weitblick unserer ganzen Universität, der Professoren, Mitarbeiter und Studenten.

In Garching zeigt sich der Weg einer modernen Technischen Universität: Er heißt Schwerpunktsetzung und Vernetzung, nach innen und nach außen. Für die Schwerpunktsetzung steht das Maschinenwesen, das nebenan einen hochmodernen Neubau mit bester Ausstattung erhalten hat. Für Vernetzung steht die neue Forschungs-Neutronenquelle FRM-II, in der sich künftig die Naturwissenschaften, die Ingenieurwissenschaften und die Medizin treffen, unsere drei großen Wissenschaftsfelder. Vernetzung aber auch in der Medizintechnik, die auf diesem Campus das neue Zentralinstitut bekommt und mit dem Schwerpunkt Biokompatible Materialien und Prozess-Systeme eine Verbindung zur Münchener Medizin herstellt, namentlich zum Klinikum rechts der Isar und dem Deutschen Herzzentrum an der TU München. Wie an vielen anderen Themen läßt sich an der Medizintechnik die gewaltige Bedeutung der Angewandten Mathematik und der Informatik ablesen: Moderne Operationsroboter sind auf intelligente Navigationssysteme angewiesen, deren Leistungskraft in der Echtzeitbewältigung riesiger Datenmengen besteht. Fernoperationen werden per Internet überwacht und beeinflusst, komplizierte Kopf- und Gesichtsoperationen nach schweren Unfällen werden über Großrechner simuliert und laufend korrigiert.

Die Informatik und die Informationstechnologien haben es ermöglicht, dass Mikroprozessoren neuester Bauart in jeder Sekunde bis zu einer Milliarde Maschinenbefehle entgegen nehmen und verarbeiten. Und dass ein modernes Handy ebensoviel Speicherkapazität hat wie jener Computer, der zu unserer Studentenzeit die erste Mondlandung gesteuert hat. Ja, die Briefe sind schneller geworden, auch wenn sie nicht mehr so schön sind. Die Informationstechnologien und die zugrunde liegenden Prinzipien werden dieses Jahrhundert ebenso prägen wie die Biotechnologien, und bei Lichte betrachtet haben beide die gleiche Wurzel: Es ist die Miniaturisierung der Technischen Welt. Beide Felder - Bio- und Informationstechnologien - verdeutlichen, wie die Wissenschaft als gewaltiger Wirtschaftsfaktor in fortgeschrittenen Gesellschaften wirkt, und zwar in unmittelbarer Weise auf Arbeit und Wohlfahrt.

Wir erleben heute eine nie dagewesene Dramatik der Wissenschaftsentwicklung. Es geht uns wie den Seefahrern des 15. und 16. Jahrhunderts, die über die Ozeane segelten. Wie damals brauchen wir heute neue Karten, Markierungen und Orientierungen, damit wir uns in der Terra incognita zurechtfinden.

Verehrter Herr Ministerpräsident, verehrter Herr Staatsminister!

Der 17. Mai 2000 ist ein Signal für die junge Generation: Die Grundsteinlegung vermittelt glaubwürdig die Überzeugung, dass die modernen Technologien unsere Zukunft sind, wenn wir damit verantwortungsbewusst umgehen und gleichzeitig die Kompetenzführerschaft innehaben. Hundert Jahre lang, von David Rockefeller bis zum Sultan von Brunei, hatte der reichste Mann der Welt immer mit Erdöl zu tun, mit dem Rohstoff also. Heute heißt dieser Rohstoff Geist, der aus der Phantasie Wohlstand schafft. Bill Gates ist ein Beispiel, so oder so. Bayerische Erfolgsjungunternehmer folgen auf den Fuß. Ein Stefan Vilsmeier etwa, dessen Linearbeschleuniger "Novalis", ein Gerät zur "Röntgenchirurgie" im Wesentlichen der modernen Informatik zu verdanken ist. Dieser junge, internationale Unternehmer hat an der TU München unter schlechten Studienbedingungen ganze 20 Tage Informatik studiert, heute hat er 260 Mitarbeiter weltweit. Wie wird das erst werden, wenn sich viele Köpfe diesem Fach zuwenden, unter exzellenten Bedingungen, umgeben von der besten Technik. Da fehlen dann in Garching nur noch das Leibniz-Rechenzentrum und die Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik als Schlussfiguren, die wir Sie, Herr Ministerpräsident und Herr Staatsminister, zu setzen bitten.

Heute aber ist der Tag des Dankes. Ich danke der Bayerischen Staatsregierung und dem Bayerischen Landtag. Ich danke Herrn Bürgermeister Karl und dem Stadtrat unserer Universitätsstadt Garching für die konstruktive Zusammenarbeit beim Genehmigungsverfahren. Gemeinsam führen wir derzeit den Strukturwettbewerb für das Gesamtareal Forschungsgelände Garching durch, um uns über Art und Positionierung der nächsten Schritte Klarheit zu verschaffen. Allem Anschein nach fehlt es an Phantasie für einen lebendigen Campus nicht. Vergessen wir dabei aber auch nicht, welche Gewichte hier in kurzer Abfolge saatlicherseits gestemmt wurden. Und es geht ja weiter: Die U-Bahn wird in wenigen Jahren von Großhadern nach Garching fahren, von Universität zu Universität. Allein die Nordverlängerung ab Hochbrück kostet 350 Millionen Mark. Auch hier ist es an der Zeit, den Entscheidungsträgern zu danken - Freistaat Bayern, Stadt Garching und Landkreis München.

Mein Dank gilt den beiden Fakultäten, die sich durch Tüchtigkeit und Leistung den Neubau verdient haben. Die Mathematik hat mit uns seit 1995 eine konsequente Strukturerneuerung vollzogen. Hierbei hat sie Kreativität und Mut bewiesen. Die Finanz- und Wirtschaftsmathematik wurde in kürzester Zeit zum Erfolgsstudiengang, 120 Erstsemester. Unsere Mathematik ist deutschlandweit die einzige mit Nachfragezuwachs, weil sie eben gut, modern und marktnah ist. Die Entwicklung der Informatik muss hier nicht referiert werden, sie verläuft exponentiell. Niemand war auf 650 Studienanfänger im letzten Semester vorbereitet, aber wir haben den Studienbetrieb mit 1,75 Millionen DM aus Bordmitteln gestützt und uns gleichzeitig für die Zukunft neu aufgestellt. Hier danke ich der gesamten Universität, dass sie die Umwidmung von fünf Lehrstühlen in den Bereich der Informatik versteht und mitträgt. Wir müssen mit dieser unausweichlichen Maßnahme in anderen Fakultäten jährlich auf Dauer 7,5 Millionen an Personalmitteln einsparen. Mein Dank gilt der Staatsregierung dafür, dass dieser mutige Schritt, den im Besonderen unser Verwaltungsrat unter Vorsitz von Herrn Dr. Holzer unterstützt hat, ein finanzielles Gegenlager für die Überbrückungszeit erhalten hat. Eine herausragende Einzelleistung erbringt Herr Honorarprofessor Ernst Denert, der heute aus Privatmitteln 4 Mio DM für einen Stiftungslehrstuhl für Wirtschaftsinformatik bereitstellt. Einen herzlichen Dank dem großherzigen Mäzen! Exempla trahunt. Roland Berger und Viag Interkom folgen mit einem Stiftungslehrstuhl für Internetbasierte Geschäftssysteme.

Wenn man den Grundstein für ein neues Haus legt, dann gilt der Dank den Bauleuten und Architekten. Wir bauen zwar kein Königsschloss, wozu auch. Aber die Architekten und Kollegen haben sich hier ein Bauwerk ausgedacht, das den drei Grundsätzen des römischen Bauherrn Vitruvius Pollio wohl entspricht: potestas - kräftig, stabil soll es sein, herhalten soll es; utilitas - technisch richtig soll es sein, zweckmäßig; und schließlich: venustas - schön soll es halt auch sein, wie die Venus, wenn's irgendwie geht und das ohne Kostenerhöhung, bitteschön.

Das Haus wird weder zu hoch noch zu tief, aber es wird von Hochtief gebaut. Wir wollen zu früh nicht loben, aber der Dank für die Ausrichtung der Grundsteinlegung und die Verköstigung wird zu Leichtsinn schon nicht verführen. Wir wünschen uns, dass das Bauwerk unfallfrei zur Vollendung kommt.